Neulich stand ich mit meiner Freundin am Bahnhof. Wir warteten auf den Zug, und nicht nur wir taten das. Der Bahnsteig war ziemlich voll, und das schwüle Wetter tat zu der eh schon ungünstigen Situation sein Übriges. Noch mehr Faulheit machte sich in mir breit, ich wollte mich hinsetzen und dachte an den Zug, der hoffentlich noch einen Platz für meine Freundin und mich frei hat.
Zack.
Mit einem mal wusste ich, uns erwartet ein denkwürdiges Ereignis. Bald werde ich viele viele Menschen sehen, die eine der unterhaltensten Verhaltensweisen an den Tag legen, die es gibt. Ich konnte es kaum erwarten, bis der Zug endlich kommt. Jedes Mal aufs Neue ist es ein Spagat aus Genuß und Wut, dieses unterhaltsame Spiel zu spielen, bei dem alle mitmachen, ohne es zu wissen, die Jagd auf den Sitzplatz.
Man unterscheidet hier drei Phasen:
Phase 1 beginnt, sobald der Zug in Sichtkontakt tritt, bei besonders ehrgeizigen Spielern schon früher. Geschickt bewegt man sich in Richtung des Bahnsteigrandes, wobei es gilt, Schnelligkeit und Unauffälligkeit zu vereinen, schätzt, wo wohl die Türen des Zuges bei seinem Stillstand sein werden, wägt ab, ob es klüger ist, sich zu stetig größer werdenden Ansammlungen noch frühzeitig zu stellen, um für sich eine günstige Postition herauszuarbeiten, oder lieber die Zwischenräume aufzusuchen, in der Hoffnung, somit erster und einziger Spieler vor der Tür zu sein, um sich auf diese Weise beste Erfolgschancen zu sichern. Verläuft dieser Teil der ersten Phase nicht nach Plan und die Ausgangsposition ist schlecht, ist jedoch noch nicht aller Tage Abend. Diverse Tricks können einem nun helfen, wieder Punkte gut zu machen und vermeindlich besser stehende Spieler doch noch zu überholen. Beispielsweise beim Verschieben der Spieleransammlungen bei Stillstand des Zuges in Richtung Tür. Wichtig ist hierbei, das richtige Mittelding zwischen Ellenbogen und Zurückhaltung zu finden, es muss so aussehen, als wäre das Schicksal zufällig auf der eigenen Seite. Natürlich während dessen nicht vergessen, die optimalen Bedingungen für Phase 3 zu schaffen, indem man die Verteilung der nahe liegenden freien Sitzplätze analysiert und sich besten Falls einprägt.
Phase 2 beginnt mit dem Öffnen der Türen. Hier zeichnen sich die ersten Gewinner ab, denn die besten Chancen auf einen Platz hat derjenige, der auf den Türöffner drückt(, auch wenn sich die Tür durch den früheren Druck des im Zuginneren befindlichen Passagier öffnet, Hauptsache man hat gedrückt). Sobald sich die Türen öffnen, ist es wichtig, dem Strom der aussteigenden Leute zu entweichen, um sich nicht unnötig zurückfallen lassen zu müssen, und so doch noch zu verlieren, also bewegt man sich so von der Tür weg, dass den aussteigenden Massen, die sich in Richtung Ausgang bewegen, nicht im Weg steht, aber auch nicht zu weit seitlich, um nicht von anderen Spielern verdrängt zu werden. Unmittelbar nachdem die Leute ausgestiegen sind, bewegt man sich ins Wageninnere, bzw auf dem schnellsten Weg dorthin vorbei an möglichst vielen Gegenspielern.
Nun beginnt die heiße Phase 3. So schnell wie möglich fixiert man einen aus Phase 1 gemerkten freien Platz und besetzt diesen. Falls dies durch etwaige Umstände unmöglich gemacht wurde, heißt es improvisieren. Man geht in die Richtung, in der der Großteil der Plätze liegt, steht man also im Zug weiter vorne, geht man nach hinten und umgekehrt. Hierbei kann man nur auf sein Glück hoffen und auf Spieler, die sich aus Prinzip nicht neben Gegenspieler setzen, sondern ausschließlich komplett freie Platzpartien besetzen, und so wichtige Freiräume entstehen lassen.
Ich liebe dieses Spiel, ich liebe es, mir des genauen Vorgangs um mich herum vollkommen bewusst zu sein und ich liebe und hasse es gleichzeitig, zu sehen, mit welchem Eifer einige Leute spielen. Faszinierend sind außerdem die zahlreichen Eigenheiten und Regelmäßigkeiten, die dabei zum Vorschein kommen. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, vermeiden zu müssen, sich neben andere Leute zu setzen und dies erst zutun, wenn keine andere Möglichkeit mehr offen ist(, wobei einige Leute scheinbar lieber stehen, als sich neben jemand anderen zu setzen). Genauso umgekehrt, diese Leute, die neben (und in Extremfällen zusätzlich vor) sich eine Tasche oder irgendein anderes Platz-besetzendes Mittel haben. Ich hasse sie. Ich hasse sie soooo sehr.
Es ist jedoch trotz einiger gemütsverstimmender Gegebenheiten immer wieder schön, dabei zu sein, um diese hohe Kunst der Menschen zu beobachten, wie sie versuchen, Unauffälligkeit und Durchsetzungskraft zu vereinen, wie sie sich nach vorne Kämpfen, und dabei so tun, als wäre ihnen ein Platz so egal wie Putzfrau, die diesen dann reinigt.
Ich kann nur jedem empfehlen, dieses Ereignis einmal bewusst wahrzunehmen. So wird man ein besserer Spieler und gleichzeitig hat man mehr Spaß am Zug fahren.